Vor einem Jahr bin ich in dem Bewusstsein aufgewacht, dass es der letzte Morgen für meinen Hund sein wird. Und immer noch kommt mir die Entscheidung, die ich damals getroffen habe, irgendwie willkürlich vor.
Denn die Frage, die ich an diesem Morgen beantwortete, hatte ich mir bereits seit vielen Tagen, Morgen für Morgen, gestellt: Ist es heute soweit?
Und jeden einzelnen Tag habe ich mich auf's Neue entschieden, dass es noch einen Tag geht - und wir morgen weiter sehen.
Warum dann "heute" nicht? Warum nicht noch einen weiteren Tag? Einen einzigen. Warum sollte er ausgerechnet den nicht mehr schaffen? Er hat doch auch gestern geschafft. Schließlich ist jeder Tag, den er erlebt, eine kleine Welt.
Es ist für uns wohl fast unmöglich, in einem Leben, welches schon Jahre dauert und schon so viele Tage zählt, den einen Tag zu finden, an dem es ihm bestimmt ist zu enden.
Soll das eine Rechtfertigung für unser Scheitern an dieser Aufgabe sein? Nein.
Es ist vielmehr eine Bitte um Verzeihung an die, über deren Leben wir entscheiden, weil wir unser Bestes geben und es manchmal einfach nicht genügt.
Die junge Dame - 8. Jun, 15:41
Von Zeit zu Zeit durchlebe ich Phasen, in denen ich vor mir selbst geschützt werden sollte, damit mein Körper keinen dauerhaften Schaden von meiner Dämlichkeit davon trägt. Gerade scheint es wieder einmal so weit zu sein...
Vor drei Wochen entdeckte ich eine ganz phänomenale Mittagspausenbeschäftigung, bei der man mit einer Fernbedienung ums Handgelenk vor dem Fernseher steht und sich virtuell-sportlich betätigt. In meinem Fall handelt es sich dabei um Tennis, welches ich jahrelang auch real gespielt habe. Diese Tatsache wiederum führt dazu, dass ich mich bei diesem Spiel nicht wie alle anderen mit angedeuteten, zarten Handgelenksbewegungen zufrieden geben kann, sondern vollen Körpereinsatz zeige.
So kam es, dass ich neulich bei einer weiten Ausholbewegung zu einer wundervollen Longline-Vorhand meine Spielhand gegen einen Tisch schmetterte, der die Frechheit hatte, sich dem eindringlichen Warnhinweis, der immer vor Spielbeginn eingeblendet wird, alle Gegenstände und Personen mögen sich bitte aus dem Einflussbereich der Spieler zurückziehen, zu widersetzen.
Das Ergebnis war ein fies geprellter Zeigefinger der rechten Hand, der diesen Umstand durch wechselnde blaue Abschnitte, mal an den Fingergliedern, mal am Handrücken, und zur Zeit noch mit einem subkutanen Hubbel an der Aufprallstelle deutlich macht.
Dazu kommt seit gestern ein in seiner Bewegungsfähigkeit signifikant eingeschränkter linker Mittelfinger, der mir das Bouldern wohl ein wenig übel genommen hat. Insbesondere das dynamische Aufstehen an einem Griff, bei dem mein Hirn ihm nicht ganz zum richtigen Zeitpunkt den Befehl zum Loslassen gab, was in einer von der Natur wohl eher nicht vorgesehenen Bewegung für den Armen endete.
Wer mir jetzt eine eindringliche Empfehlung in Richtung Hallenhalma geben möchte, dem sei gesagt: selbst dabei kann ich mir in solch' einer Phase noch irgendwie weh tun. Aber erfahrungsgemäß gehen diese Zeiten irgendwann vorüber - warten wir also ab - auch wenn ich persönlich äußerst ungern hier Fortsetzung folgt sehen möchte.
Die junge Dame - 25. Mai, 12:22
Ich hätte gerne ein Stück Kuchen. Nur irgendwie bin ich anscheinend zu spät dran. Warum das so ist kann ich mir selbst nicht erklären, denn ich find's durchaus noch früh genug. Nichts desto trotz stellt sich die Lage am Kuchenbuffet ungefähr wie folgt dar:
Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl riesig. Da ich aber zugegeben wählerisch bin, kommen bei einem genaueren zweiten Blick schon weit weniger Kuchen in Frage. Und dann gibt's natürlich noch die Vorbestellungen, erkennbar am goldenen Bon auf dem Teller. Von denen lässt man besser die Finger, auch wenn einige der leckersten Stücke darunter sind: am Ende der zwangsläufig nötigen und energieraubenden Diskussion mit der Verkäuferin bekommt man sie ja doch nicht. Pure Zeitverschwendung.
Ich stehe also da und schaue mir die verbleibenden Stücke gründlich an. Und da! In der hinteren Reihe ist eins, was wirklich richtig lecker aussieht. Ein Sahneschnittchen wie es im Buche steht. Warum hab' ich das nicht sofort gesehen? Und warum ist so ein Bilderbuchkuchen nicht schon reserviert? Ich traue dem Braten nicht so ganz und werde vorsichtig... denn wie oft hat man sich schon Hoffnungen gemacht, die am Ende bitterlich enttäuscht wurden, nur weil die dämliche Verkäuferin vergessen hatte, diesen dämlichen Bon hinzulegen?!
Wäre es nicht vielleicht klüger, eins von den Erdbeertörtchen zu nehmen? Die sehen doch auch ganz lecker aus. Allemal besser als eine hart umkämpfte, sehr vielversprechende Schokotorte, die man überglücklich nach Hause trägt, nur damit sie beim ersten Bissen ein widerliches Bananenaroma offenbart. Mit Erdbeertörtchen passiert einem das nicht. Der Haken an der Sache ist: ich stehe nunmal einfach nicht so auf Erdbeeren.
Die junge Dame - 1. Mai, 16:28
Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich mich in nicht allzu ferner Zukunft in knapp 60 Metern Höhe an einen belgischen Felsen gebunden wiederfinde, den ich selbst hochgeklettert bin - dann ist das ein rein theoretisches Gedankenspiel, denn wer hätte dieser mit der Gabe des in die Zukunftschauens bedachter Jemand sein sollen? Eben.
Allerdings macht jenes Phantasiekonstrukt eines recht klar: in dem Moment, wo einem solche Sätze in den Sinn kommen, befindet man sich in einer Situation, von der man selbst nie und nimmer gedacht hätte, dass man einmal die Protagonistenrolle in ihr spielen könnte.
Für mich war dieser Moment gestern da. In dem ich gnadenlos überrascht war - von mir selbst und davon, wohin mich der Weg, den ich vor nicht ganz einem Jahr eingeschlagen habe, geführt hat: nach Yvoir zum Klettern. Das erste Mal unter freiem Himmel, bei strahlendem Sonnenschein, die Maas direkt nebenan.
Nun ja, werden Sie sagen, wenn sie schon so lange geübt hat, war's ja nur eine Frage der Zeit, bis sie auch draussen klettern kann. Sonderlich überraschend ist das nicht.
Nun ja, werde ich sagen, da haben Sie so gesehen Recht, aber das ist noch nicht alles. Ich habe in dieser Zeit nicht nur Klettern gelernt. Ich habe auch etwas über meine Angst gelernt:
Die eigene Angst zu überwinden ist keine einmalige Sache. Es ist vielmehr ein sehr zähes Immer-Wieder, das einen bisweilen frustrieren kann, weil viel zu oft der Gegner gewinnt. Jeden Millimeter des angstfreien Bereichs muss man sich hart erkämpfen und ebenso hart verteidigen, indem man an seine Grenzen geht - und darüber hinaus. Aber selbst darin erlangt man Übung und so härtet man ganz langsam, in unsagbar kleinen Schritten, ab.
Und dann - irgendwann...findet man sich in einer Situation wieder, von der man noch vor einem Jahr gedacht hat, dass man sich nie freiwillig in sie hinein begeben wird. Die Angst ist selbstverständlich noch da - aber nicht als beherrschende Kraft, sondern als ein recht erträgliches Mulmgefühl, an das man sich schon gewöhnt hat und gelernt hat, es in Schach zu halten.
Wenn dabei die schöne Aussicht, das vollkommen neue Gefühl am Fels zu klettern und die Konzentration, nicht in Eidechsen zu greifen, noch nicht genug Unterstützung bieten, dann lenken spätestens die pulsierenden Schmerzen in den Zehen, die sich unweigerlich einstellen, wenn man die Kletterschuhe nicht wie gewohnt nach einer Route in der Wand wieder auszieht, sehr wirkungsvoll davon ab.
Die junge Dame - 27. Apr, 12:03
Es gibt tatsächlich Menschen auf dieser Welt, denen bedeutet ein Ausrufezeichen noch etwas. Diese Menschen setzen ihre Satzzeichen bewusst, sie denken über verschiedene Bedeutungen und Betonungen nach und treffen nach dieser Analyse eine gut begründete Entscheidung, was am Ende ihres Satzes stehen wird. Sie werden mir sicherlich zustimmen, wenn ich behaupte, dass ein Unterschied zwischen
Liebe Grüße,
M.
und
Liebe Grüße!
M.
besteht.
Im direkten Vergleich fällt das jedem auf. Das Problem beginnt im alltäglichen Schriftverkehr. Unter Zeitdruck, mit den Gedanken woanders, schreibt man eben schnell mal eine Mail und zack! haben sich die über die Tastatur fliegenden Finger entschieden, noch bevor der literarisch orientierte Geist seinen Senf dazu geben konnte. Egal - ab damit! und erledigt.
Der Lesende allerdings nimmt sich vielleicht ein wenig mehr Zeit. Er wird in seinem Kopf die Buchstaben zu Worten formen, diese wiederum zu Sätzen und ihnen eine imaginäre Betonung verleihen. Die natürlich auch davon beeinflusst wird, ob nun ein Punkt, ein Komma oder ein Ausrufezeichen dort steht.
Alle diese kleinen Zeichen tragen also entscheidend zum Gesamteindruck des Geschriebenen bei, zu dem, welche Bedeutung der Lesende in diese Worte legt. Vergessen Sie dies nicht, wenn Sie das nächste Mal eine Botschaft übermitteln! Und überlegen Sie gut, bevor Sie ein Ausrufezeichen verwenden.
Die junge Dame - 18. Apr, 21:38